Ein Arbeitstag vor dem Feiertag ist immer sehr anstrengend. An diesem Tag aber war besonders viel zu tun im Geschäft. Wir benötigten fast den ganzen Tag drei Kassen, manchmal auch vier. Sämtliche andere Tätigkeiten blieben ungeschehen, um den Kundenstrom an den Kassen bewältigen zu können. Es kamen Klagen, warum es denn heute keine großen Kürbisse mehr gäbe. „Weil es zu spät ist am Tag des Festes mit den Vorbereitungen zu beginnen“ dachte ich mir, aber das durfte ich ja nicht sagen und so entschuldigte ich mich dafür.
Eine Stunde später als vorgesehen fuhr ich nach Hause. Da merkte man erst, dass Halloween war; viele Jugendliche hatten hässliche Masken auf oder das Gesicht mit roten und schwarzen Farben angemalt. An allen Ecken explodierten Knallkörper und die Menschen zuckten erschrocken zusammen, sehr zur Freude der Täter. Auf der letzten Strecke des Heimweges hatte ich das Gefühl, in einem Horrorzug zu sitzen. Im Nachbarort gab es ein Gruselfest im Bergwerk. Eigentlich hätte ich auch dort aussteigen sollen um an einer Leseveranstaltung teilzunehmen, aber ich hatte so viel Gepäck dabei, dass ich erst nach Hause fahren musste. Als ich vor unserer Haltestelle zur Tür ging und in dem Triebwagen nach rückwärts blickte, atmete ich erleichtert auf. Die „Geister“ waren alle schon ausgestiegen, es waren nur mehr „normale“ Fahrgäste im Waggon. Am Bahnhof trieben sich noch ein paar düstere Gestalten herum, die auf den Gegenzug warteten. Ich war froh, als ich daheim war und auch ein wenig erleichtert, dass ich nicht mehr weg musste, denn das Literatentreffen war mittlerweile zu Ende gegangen. Von der Straße drang die Knallerei bis in die Wohnung. „Die armen Tiere“ dachte ich mir dann immer und war froh, wenn meine Katzen nach Hause kamen.
Nun wartete ich auf meine Männer. Mein Mann nahm auf dem Heimweg von St. Pölten meinen Sohn mit. Ich hatte keine Lust auf Fernsehen, wollte weder einen Krimi noch sonst irgend etwas Brutales, Stumpfsinniges oder Freudloses über mich ergehen lassen. Ich setzte mich an den Computer und surfte im Internet. Es war nicht eingeheizt und da es schon zu später Stunde war, lohnte es sich nun auch nicht mehr. Als mir kalt wurde, legte ich mich ins Zimmer, deckte mich zu und drehte doch den Fernseher auf. Es dauerte noch eine Weile, dann kam Daniel ins Zimmer. Ich drehte sofort ab und wandte mich ihm zu.
„Weißt du was das für ein Kostüm ist das ich trage?“ fragte er mich. Ich sah an ihm hinunter. Es war dunkel im Zimmer, wodurch seine Kleidung fast weiß wirkte. Er hatte eine helle Hose und ein graues Sweatshirt an. Auf dem Kopf trug er eine weiße Kappe mit der Aufschrift „Salvation“(Errettung), Die Schriftzüge standen auf einem Hinweispfeil, der auf ein Bild von Christus zeigte. Um die Mitte hatte er einen Gürtel umgeschnallt auf dem die Buchstaben „Truth“(Wahrheit) aufgefädelt waren, auf der Brust prangte eine große Plakette mit der englischen Bezeichnung der WDR(Wähle das Rechte) Klasse. In der linken Hand hielt er einen Schild mit der Aufschrift „Faith“(Glaube) während er in der rechten die heiligen Schriften hochhielt.
„Na“ fragte er. „Weißt du nicht was ich anhabe?“ Es klingelte noch immer nicht bei mir und ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe die Rüstung Gottes an!“ strahlte er. Der Schild des Glaubens und der Panzer der Gerechtigkeit, aus Karton gefertigt und mit Silberfarbe besprüht, hatten schon einige Zeit auf dem Boden vor seinem Bett gelegen. Als ich einmal beim Aufräumen helfen wollte, hatte ich schon überlegt, ob ich diese Gegenstände aus Pappe nicht wegwerfen sollte. Wie gut, dass ich es nicht getan hatte. Ich hatte keinen Ahnung gehabt wie viel ihm das bedeutet hatte.
„Ich wusste nicht, wie ich den Helm des Heils darstellen sollte“ sprach er weiter.
„Im englischen wird anstatt dem Wort Heil das Wort „Salvation“ verwendet. Ich suchte im Internet. Ich habe eine Hinweistafel in Pfeilform gefunden und dann habe ich sie mir ausgedruckt und auf die Kappe geklebt. Daneben habe ich ein Bild von Jesus dazugefügt, auf den der Pfeil hinweist, denn Christus ist unser Retter“ erklärte er voller Stolz.
„Toll“ war das einzige herausbrachte, denn in mir regte sich etwas, das meine Stimme versagen ließ.
„Ich wusste auch nicht, was ich an den Füßen anziehen sollte, die Schuhe der Bereitschaft. Wie drückt man das aus?“ Er hob kurz die Arme, dann zeigte er hinunter. „Da, sieh her!“ streckte er mir sein Füße entgegen.
„Aha, du hast Schlüpfer angezogen. Die kann man schnell anziehen!“
„Nein“ schüttelte er den Kopf. Obwohl ich nichts erkannt oder erraten hatte lächelte er noch immer.
„Das sind meine Sonntagsschuhe. Wann habe ich die Schuhe der Bereitschaft für das Evangelium zu kämpfen an?“ Er machte eine kurze Pause. „Am Sonntag, oder wenn ich mit den Missionaren unterwegs bin!“ beantwortete er seine eigene Frage.
„Ich wollte schon lange eine Rüstung Gottes haben, seit ich die Fireside mit John Bytheway gesehen habe, und heute habe ich sie angelegt!“
„Oh Gott“ sagte ich in meinem Innersten „was ist das für ein besonderer Mann geworden. Fast überall auf dem europäischen Festland verkleiden sich die Leute heute zum Bösen, legt Masken an und verunstaltet sich die Gesichter. Viel Schlechtes geschieht in diesen Verkleidungen und sein einziges Bestreben an diesem Tag war, dem Guten ein Gegengewicht zu verleihen; die Rüstung Gottes anzulegen.
Ich stand auf, legte meine Arme um ihn und drückte ihn ganz fest. Ein Ausspruch von Präsident Monson kam mir in den Sinn, in dem es hieß;
Unser Tun sollte Zeugnis ablegen von der Art Mensch, die wir sein möchten….“